10 Klischees über Gitarristen: Was wirklich dran ist

Es gibt diese Liste von Sätzen, die angeblich kein Gitarrist jemals sagt – abgedroschene Klischees. Aber was ist wirklich dran? Ganz ehrlich und ungeschönt, hier die zehn Sätze und meine eigene Bilanz dazu.
1. "Ich glaube, ich bin zu laut"
Stimmt tatsächlich – ich habe eher darum gekämpft, so laut spielen zu dürfen, wie ich wollte, statt Rücksicht aufs Gesamtklangbild zu nehmen. Über Frequenzaufteilung im Bandkontext, wie es etwa Steve Morse mit unterschiedlichen Verstärkern je nach Besetzung macht, über meine Funktion im Bandkontext und über die Bedürfnisse anderer Bandmitglieder hab ich mir früher nie Gedanken gemacht.
2. "Für dieses Stück hätte ich gerne die Noten"
Auch bestätigt: Gitarristen stehen mit Noten oft auf Kriegsfuß. Im professionellen Musikkontext – etwa im Musical – führt an Noten aber kein Weg vorbei, weil sie die gemeinsame Sprache mit allen anderen Instrumentalisten sind. Im Hobbybereich wird das gerne ausgeblendet, bis man merkt, wie sehr es sich auszahlt.
3. "Der Bass macht diesen Song erst gut"
Auch das würden Gitarristen selten zugeben – zu tief sitzt das Klischee vom Bass als Ausweichinstrument für gescheiterte Gitarristen. Dabei ist Bass eines der anspruchsvollsten Instrumente überhaupt: Timing, Tonlängen und die Kunst, sich nicht in den Vordergrund zu spielen, aber trotzdem über die Qualität der musikalischen Darbietung zu entscheiden.
4. "Vielleicht braucht dieses Stück gar keine Gitarre"
Gitarristen neigen zum Ego-Glauben, ihr Instrument sei unverzichtbar. Tatsächlich läuft bei mir im Hintergrund zumeist lieber Musik ganz ohne Gitarre – einfach, weil der Gitarristen-Kopf bei Gitarre sofort ins Bewerten verfällt, statt einfach zu genießen.
5. "Andere können das besser als ich"
Bei Gitarrenschülern fiel es mir leicht, sie an Kolleg:innen weiterzuvermitteln, wenn ein Stil nicht zu meiner eigenen Kompetenz passte. Bei bezahlten Bühnenjobs dagegen habe ich fast immer zugesagt, aus Angst, sonst nicht mehr angerufen zu werden – auch wenn andere es besser gekonnt hätten.
6. "Der letzte Gig war irre gut bezahlt"
Das Gegenteil ist die Regel. Selbst in der besten je erlebten Verdienstphase als Live-Musiker – ein Sommermonat mit Auftritten an praktisch jedem Wochenende und einigen Wochentagen – kamen bei mir rund 2.000 € zusammen, und das war bereits die absolute Ausnahme.
7. "Üben macht mehr Spaß als neues Equipment kaufen"
Schön wär's. Aus der Untätigkeit heraus ist die Verlockung, etwas zu bestellen, deutlich größer als die, üben zu gehen – obwohl gute Musiker:innen mit praktisch jedem Equipment überzeugend klingen können. Das wissen eigentlich alle, wahrhaben will es kaum jemand.
8. "Ich spiele gerne über einen geliehenen Amp"
Im Hobbybereich ist der eigene Amp oft wie das schicke Auto, mit dem man zeigt, wie viel Geld und Gedanken man reingesteckt hat. Im Profigeschäft dagegen zählt Pragmatismus: Wer gelernt hat, mit jedem Equipment zurechtzukommen, nimmt lieber den Aufwand raus, statt das eigene Setup zu schleppen.
9. "Ich habe wirklich genug Gitarren"
Der Reflex, bei jedem kleinen finanziellen Plus schnell zuzuschlagen, bevor das Geld wieder weg ist, war bei mir früher stark ausgeprägt. Wer sich dagegen Zeit lässt, merkt oft: Viele Kaufwünsche verpuffen von selbst wieder – und was überstürzt gekauft wird, ist selten wirklich das Richtige.
10. "Ich spiele am liebsten Rhythmusgitarre"
Die meisten E-Gitarrist:innen lernen die Grundakkorde und verbringen danach die meiste Zeit mit Solospiel – möglichst lang, möglichst oft. Auch das war bei mir lange so. Heute macht mich ein ganzer Abend Rhythmusgitarre in der Band aber genauso glücklich wie jedes Solo.
Checkliste: Wie ehrlich bist du zu dir selbst?
Nicht im Video, aber als Denkanstoß für dich:
Bei welchem der zehn Sätze würdest du selbst am ehesten "schuldig" sagen?
Gibt es eine Gewohnheit auf der Liste, die du bei dir erkennst, aber bisher nie laut zugegeben hast?
Was würde sich ändern, wenn du sie diese Woche einmal bewusst durchbrichst – z. B. einmal wirklich üben statt Equipment anzuschauen?
Übrigens: Falls dich das Notenlesen-Thema reizt
Genau bei Punkt 2 hab ich's oben schon angedeutet: Noten lernen ist am Anfang nicht sonderlich reizvoll, aber es zahlt sich aus, sobald man merkt, wie viel unabhängiger man dadurch von Tabs wird. Mit meinem Notenkurs hab ich schon einigen hundert Leuten geholfen, genau diese Lücke zu schließen.
Mehr Infos findest du hier: Gitarre spielen nach Noten






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