7 Tipps gegen Lampenfieber: So spielst du souverän Gitarre vor Publikum
- Christian Konrad

- 14. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Stunden
Im Jahr 2001 bin ich bei meiner ersten Aufnahmeprüfung an einer Musikhochschule krachend durchgefallen – nicht knapp, sondern richtig. Auf meine Frage, ob ich es in einem halben Jahr noch mal versuchen könnte, hieß es nur: In deinem Fall wäre es besser, noch ein Jahr zu warten. In diesem Moment stand für mich nicht nur ein Vorspiel auf dem Spiel, sondern mein gesamter weiterer Weg als Musiker.
Diese Erfahrung hat mich gezwungen, mein Verhältnis zum Spielen vor anderen komplett neu zu denken. Herausgekommen sind sieben Prinzipien, die mir seitdem zuverlässig helfen, entspannt und souverän zu spielen, egal ob im kleinen Kreis oder auf der Bühne. Hier sind sie.
1. Hör auf, deinen eigenen Fingern zuzuschauen
Kennst du das Gefühl, mitten im Stück plötzlich die eigenen Finger zu beobachten wie die eines Fremden – und genau in diesem Moment aus dem Konzept zu kommen? Das ist kein Zufall. Studien zeigen: Unter Druck fangen wir an, längst automatisierte Bewegungen wieder bewusst zu kontrollieren – und genau das bringt uns aus dem Tritt, weil wir der Automatik misstrauen, die uns eigentlich trägt.
Der Unterschied zwischen Üben und Spielen: Üben ist bewusstes, kontrolliertes Hinschauen. Spielen bedeutet, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass die Finger wissen, was sie tun. In der Band gelingt das oft leichter, weil die Aufmerksamkeit sich automatisch verteilt – allein fehlt diese Ablenkung, und die kritische Selbstbeobachtung übernimmt.
2. Deute dir bei Lampenfieber dein Publikum bewusst um
Bei meiner zweiten Aufnahmeprüfung habe ich mir vorher fest vorgenommen: Die Menschen im Raum warten nicht darauf, mich bei einem Fehler zu ertappen. Sie sind selbst Musikfans und freuen sich an der Musik – genau wie ich. Ein Vorspiel ist kein Verhör, sondern ein gemeinsames Musik-Erlebnis.
Diese Umdeutung hat sich für mich bewahrheitet: Es wurde ein völlig anderes, positiveres Erlebnis, und einer der Dozenten bat mich hinterher sogar um die Noten eines Stücks, das ihm gefallen hatte. Das war kein höflicher Applaus, sondern echtes Interesse.
3. Simuliere den Ernstfall, bevor er eintritt
Vollständiges Loslassen funktioniert nur, wenn die Vorbereitung außergewöhnlich gut war. Ein Stück im ruhigen Übungszimmer zweimal fehlerfrei zu spielen, reicht dafür nicht. Was tatsächlich hilft:
Das Stück auf einer schwerer greifbaren Gitarre üben
Im Stehen üben, wenn du sonst sitzt – oder umgekehrt
Dich beim Spielen filmen und das Ergebnis ansehen
In fremden Räumen oder über einen anderen Verstärker spielen
Mit kalten Fingern üben, nicht nur in Bestform
An jeder beliebigen Stelle eines Stücks einsteigen können, nicht nur am Anfang
Der letzte Punkt ist besonders wirksam: Wer trainiert hat, an jeder Stelle neu anzusetzen, weiß im Ernstfall, dass Aussteigen kein Beinbruch ist – man findet immer wieder rein. Diese Vorbereitung sichert dich zusätzlich bei störendem Lampenfieber ab und bleibt für das Publikum übrigens komplett unsichtbar. Was wie Talent aussieht, ist meistens einfach unsichtbare Vorarbeit.
4. Nimm dir selbst den Ergebnisdruck
Ein Muster, das mir immer wieder auffällt: Nach einem Verspieler mitten im Stück ist der zweite Anlauf fast immer entspannter und runder als der erste – nicht weil sich die Technik verbessert hätte, sondern weil das Scheitern schon passiert war und nichts mehr zählte.
Diesen Effekt kannst du dir bewusst zunutze machen: Stell dir vor, der Auftritt ist schon vorbei, das Publikum verlässt gerade den Saal – und du spielst das Stück jetzt noch einmal, nur für dich. Meistens wird genau dieser Durchgang der beste. Nervosität hängt weniger am Publikum als an der Unwiederbringlichkeit des Moments. Sobald ein Versuch nicht mehr zählt, fällt der Druck weg.
5. Halte dir ein todsicheres Stück in Reserve
Für die spontane Situation im Bekanntenkreis – "Du spielst doch Gitarre, zeig mal was" – lohnt sich ein separates Werkzeug: ein einfaches Riff, eine schlichte Akkordfolge, ein Blues, den du im Schlaf beherrschst. Wer danach fragt, erwartet selten dein anspruchsvollstes Stück. Die meisten freuen sich schon über einen einfachen Akkord, der für sie selbstverständlich nach Gitarre klingt.
6. Spiel weiter, auch wenn der Faden reißt
Bei einem internen Vorspiel bin ich einmal komplett aus dem Stück gefallen – kompletter Blackout. Ich habe mich gezwungen, einfach irgendetwas im gleichen Rhythmus weiterzuspielen, bis der Faden zurückkam. Danach erfuhr ich: Niemand im Raum – lauter erfahrene Gitarristen – hatte etwas bemerkt. Wenn selbst Fachleute es nicht merken, merkt es ein normales Publikum erst recht nicht. Weiterspielen können ist selbst eine Form von Improvisation, die sich trainieren lässt.
7. Sichere dich technisch ab
Der letzte Punkt hat nichts mit dem Kopf zu tun, sondern mit der Ausrüstung: leere Batterien, Wackelkontakte, defekte Netzteile – das kostet unnötig Nerven. Profis gehen deshalb vor jedem Auftritt ihr komplettes Equipment durch, prüfen Kabel und Netzteile und ziehen neue Saiten auf. Ein Ersatzkabel und im besten Fall eine Ersatzgitarre gehören dazu.
Besonders wichtig: früh zum Soundcheck erscheinen, alles in Ruhe durchgehen – und danach nichts mehr verändern. Ich habe selbst einmal nach dem Soundcheck noch am Pedalboard herumgebaut, dabei löste sich ein Stecker, und mitten im Song ging nichts mehr. Feste Routinen zahlen sich aus, gerade in stressigen Momenten.
Checkliste: Die 7 Punkte auf einen Blick
Nicht auf die eigenen Finger schauen – dem Automatismus vertrauen
Das Publikum als wohlwollend umdeuten
Den Ernstfall vorher simulieren (Ort, Instrument, Zustand wechseln)
Sich selbst den Ergebnisdruck nehmen
Ein einfaches, hundertprozentig sicheres Stück in Reserve haben
Bei Fehlern weiterspielen statt stoppen
Equipment vor jedem Auftritt technisch absichern
Bereit, sicherer zu spielen?
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